Grünenberg zwischen Bern und Habsburg
Vortrag von Lukas Wenger, gehalten an der Hauptversammlung des Historischen Vereins des Kantons Bern [1] vom 20. Juni 1999 in Melchnau.
Die Familie von Grünenberg
Beginnender Niedergang
Wer hätte das Unheil vorhersehen können, das nur einige Jahre später über die Freiherren von Grünenberg, aber auch über die Häuser Habsburg und Kyburg hereinbrechen wird?
Ein erster Vorbote einer neuen Zeit kommt von Norden her: Es sind dies die Horden des Ingelram VII. von Coucy, wegen der kalottenförmigen Helme «Gugler» genannt. 1375 überqueren die rund 25 000 Mann den Jura und fallen ins Mittelland ein. Petermann I. muss mit ansehen, wie seine Feste Aarwangen in Flammen aufgeht. Nicht mehr zusehen kann er aber bei der Schändung «seines» Klosters St. Urban, das in den Dezemberwochen 1375 Ingelrams Hauptquartier wird: Weit unterlegen, greift er trotzdem an, gerät in einen Hinterhalt und erleidet schmerzliche Verluste.
Doch dieser erste Widerstand weckt ungeahnte Kräfte beim
Landvolk, das bei Buttisholz eine fünfmal grössere
Söldnerhorde in die Flucht schlägt. Wie ein Lauffeuer
verbreitet sich die Nachricht: der Mythos von der Unbesiegbarkeit der
Gugler ist beseitigt. Berner Zunfttruppen versetzen am 27. Dezember
1375 den Guglern im Kloster Fraubrunnen den entscheidenden Schlag
(Bild rechts [2]).
Doch der Schaden ist längst geschehen: Das Land mit seinen
Klöstern, Kirchen, Kapellen, Dörfern, Höfen liegt
verwüstet da, das Volk und auch unsere Adligen erleben herbe
Verluste – wahrscheinlich ist auch der grosse Petermann I.
in den Gugler-Wirren umgekommen.
Zu diesem Kriegszug gesellt sich ein weiteres Phänomen der Zeit: der Niedergang von Adel und Rittertum. Im Gegenzug entsteht in den Städten die neue Schicht der bürgerlichen Kaufleute und des zünftisch organisierten Handwerks. Mit einer überlegenen Kampfführung und neuen Waffen (z. B. Armbrust) entreissen sie dem verarmten Adel immer mehr die öffentliche Gewalt. Für Bern beginnt schon bald die grosse Expansionsphase ins Oberland und ins Emmental.
Immerhin stehen die Grünenberg auch nach 1375 immer noch beeindruckend da: Auf dem Schlossberg leben in dieser Zeit acht Familien, was rund 100 Personen ergeben mag. Doch die Verflechtung der Familie mit dem untergehende Haus Kyburg stellt die Grünenberger schliesslich den gross gewordenen Städten Bern und Solothurn gegenüber.
Im Zuge des Burgdorfer Krieges 1382-84 belagern die Berner den Sitz
der Kyburger, können aber Burgdorf nicht einnehmen. Dagegen
halten sie sich schadlos an umliegenden Burgen – im Juli
1383 marschieren die Berner vor Grünenberg auf. Durch eine
List – die Soldaten warten, bis Burgknechte draussen Holz
holen und «dummerweise» das Burgtor offen lassen, so
die Chronisten (und zeichnerisch in der Abbildung links Diebold
Schilling [3])
– wird Grünenberg genommen.
Welch eine Demütigung für unsere Freiherren! In Bern dagegen herrscht Freude: Die Burger schenken den Kriegsleuten elf Pfund, und der Bote, als er die gute Nachricht bringt, erhält 10 Schilling.
Bereits 1387 ist die Burg Grünenberg aber wiederhergestellt, während den Kyburgern nach dem Friedensschluss von 1384 nicht mehr viel verbleibt. Die ganze Westfront Grünenbergs steht damit den Bernern offen.
Und auch von Osten drohen Gefahren, dort wo Hemmann von Grünenberg
die Herrschaft Rothenburg von seinem Vater Petermann I.
geerbt hat. Nicht nur verschlechtert sich die Stimmung im
Entlebuch, auch die Beziehungen zwischen Habsburg und der
Eidgenossenschaft sind so schlecht, dass mit einem neuen Krieg zu
rechnen ist. Besonders die Luzerner drängen auf ein
gewaltsames Vorgehen, denn sie empfinden die habsburgische
Festung Rothenburg, im Norden der Stadt und an der Gotthard-Route
gelegen, als Bedrohung. Am 28. Dezember – also in der
Festzeit – 1385 überfallen sie das ahnungslose
Städtchen und brechen die Feste (Bild
[4]).
Danach schliessen sie mit Sempach ein Burgrecht und erobern –
verständlicherweise ohne grossen Wiederstand – das
Entlebuch. Damit ist der Krieg eröffnet, der am 9. Juli 1386
in der Schlacht von Sempach zu Ungunsten Habsburgs entschieden
wird. Neben Herzog Leopold verliert auch Johann Grimm II. von
Grünenberg das Leben, der zweite grosse Grünenberger
innert weniger Jahre!
Sein Sohn Johann Grimm III. verkauft – anscheinend aus Geldnot, ein Zeichen des Niedergangs – 1404 Stadt und Burg Huttwil. Und 1406 muss er mit seinen Verwandten die Vogteien Maschwanden, Horgen und Rüschlikon sowie die Herrschaft Eschenbach an die Stadt Zürich verpfänden.
* * *
Damit hat das Haus Grünenberg seine Machthöhe überschritten, das grosse Herrschaftsgebiet beginnt sich aufzulösen. Die Einsichten aus den Kriegen – Gugler, Burgdorf, Sempach – zeigen, dass wieder eine Annäherung an Bern zu suchen sei. Dies lässt sich rechtfertigen, leben doch seit 1394 die Eidgenossen und Bern mit Habsburg in Frieden. 1407 schliessen die beiden Grünenberger Johann Grimm III. und Junker Wilhelm mit Bern ein Burgrecht, ohne jedoch Sitz in der Stadt zu nehmen. Sie werden damit zu sogenannten Ausburgern. Das Burgrecht wird im Text zwar als «ewig» bezeichnet, doch die Grünenberger können den Vertrag mit einer Summe von je 100 rheinischen Gulden jederzeit lösen.
Johann Grimm III. in Binzen war es noch vergönnt, am 12. Dezember 1428 dem Sport-Ereignis des Jahrhunderts beizuwohnen: dem Turnier in Basel zwischen dem spanischen Abenteurer Merlo und Heinrich von Ramstein; ein Wettstreit, den uns Cervantes unter dem Titel «Don Quixote» überliefert hat! Im Jahr darauf verstirbt der Grünenberger nach reichen Vergabungen an geistliche Stifte.
Anmerkungen
[1] Historischer Verein des Kantons Bern im Internet: http://www.stub.unibe.ch/extern/hv/.
[2] , Hans (Dr.) [Hrsg.]/, Christoph (Dr.) [Hrsg.]/et al.: Die Schweiz im Mittelalter in Diebold Schillings Spiezer Bilderchronik, Studienausgabe, Edition Bel-Libro, Faksimileverlag, Luzern, 1991. Pagina 408. Wiedergabe im Internet mit freundlicher Genehmigung des Faksimileverlags, Luzern, vom 5. Juni 2000.
[3]
1991: Pagina 433, Seite 322
bzw. 523. Wiedergabe im Internet mit freundlicher Genehmigung
des Faksimileverlags,
Luzern, vom 5. Juni 2000.
Die Bildquelle ist in der genealogsichen Datenbank
zu den Freiherren von Grünenberg publiziert:
http://lwl.homeip.net/gruenenberg?m=H;v=schilling_1383_gruenenberg.
[4] Diebold Schillings Luzerner Chronik.
